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Buchhandel im Internet - Internet im Buchhandel

Von Max Scheugl und Hannes Unterberger

Juni 1996

Uns Buchhändlern haftet bisweilen immer noch ein antiquiertes oder gar verstaubtes Image an. Dieser Umstand hat uns in den letzten Jahren die Kunden nicht unbedingt über die Schwelle getragen. Während Großflächen wie Libro und andere branchennahe Unternehmen kräftige Zuwächse verzeichnen können, bangt der klassische Sortimentsbuchhandel um seine Position am Markt. Unschuldig sind wir an dieser Misere aber nicht. So haben wir uns weitgehend dem elitären Image des belesenen Renaissance-Menschen hingegeben und darüber hinaus vergessen, an einem zeitgemäßen Erscheinungsbild des Buchhandels zu arbeiten. Für Computer mit bunten Bildern ist hier wenig Platz gewesen.

Natürlich lieben wir das "Verzeichnis lieferbarer Bücher" (VLB) auf CD-ROM, welches uns ein effizientes Suchen und Bestellen von Titeln erlaubt. Teilweise haben wir auch Warenwirtschaftssysteme schätzen gelernt, letztere allerdings mit Vorbehalt, sind sie doch im Buchhandel ihren Kinderkrankheiten noch nicht ganz entwachsen.

Aber richtig akzeptiert werden die sogenannten Neuen Medien noch nicht. Dabei sollte uns der Inhalt mehr am Herzen liegen als das Medium selbst. Natürlich bestimmt die jeweilige Form auch weitgehend den Inhalt. Nicht viele Menschen werden ein Online-Service im Internet gegen eine bibliophiele Ausgabe von Wagenbach oder "Die anderen Bibliothek" eintauschen. Oder etwa doch?

Information, so lautet für viele das Zauberwort - auf welchem Medium sich diese befindet, ob im Buch oder auch auf digitalen Trägern, wird immer mehr zum Thema. All jene, die sich mit Information befassen - Universitäten, Bibliotheken, Institutionen, usw. - müssen sich vermehrt mit Neuen Medien befassen. Warum nicht auch der Buchhandel, gilt doch er als einer der klassischen Informationsbeschaffer und Vermittler.

Die Neuen Medien schaffen sicherlich einen anderen Umgang mit Information im allgemeinen und deren Besorgung im speziellen. Sie ist sowohl für den Buchhandel als auch den Verleger von besonderer Bedeutung. Hängt doch die Qualität von Information für viele Menschen in immer größeren Maße von deren Verfügbarkeit ab. Je schneller und problemloser man an Information, ob im Buch oder Online-Dienst, herankommt, desto mehr weiß man diese zu schätzen. Nicht umsonst hat der Buchhandel seine Kunden dazu erzogen, auf ein gewünschtes Buch nicht länger als drei Tage zu warten.

Dieser Tradition folgend, haben einige Buchhandlungen Homepages im Internet mit nahezu vollständiger Bibliographie eingerichtet. Diese Bibliographie, also das Suchen und Finden von Büchern, Zeitschriften, CD-ROMs und Kassetten in Katalogen, funktioniert zumeist über den Zwischenhandel. Das heißt in Deutschland und Österreich über Barsortimente. Die Datenbanken befinden sich aus rechtlichen Gründen auf den Servern der Barsortimente und werden dort fortlaufend aktualisiert. Der Kunde kann über die Homepage seiner Buchhandlung im Katalog der großen Zwischenhändler (Barsortimente z.B. KNO oder Libri) den gewünschten Titel bibliographieren und bestellen. Die Lieferung und Verrechnung erfolgt über die Buchhandlung. Ein weiterer Zugang ist direkt über die Homepage des jeweiligen Barsortiments möglich. Auf diesen Seiten befindet sich eine Liste der Partnerbuchhandlungen aus welcher der Kunde die nächstgelegene auswählen kann.

Dies ist für ihn eine bequeme Art, sich die Infrastruktur des Buchhandels zu nutze zu machen. Welche Akzeptanz derlei Dienst am Kunden erfährt, wird sich erst erweisen. Die großen Barsortimente KNO und Libri werden mit diesem Service erst in diesem Jahr (1996) flächendeckend arbeiten. Die KNO Datenbank enthielt im Juli 1996 bereits 275.000 Titeln von 3.000 Verlagen. Mit Pilotprojekten wurden durchaus positive Erfahrungen gemacht. Manche Buchhändler fürchten allerdings zu Online-Partnerschaften gezwungen zu werden, um nicht Kunden an Buchhandlungen zu verlieren, welche im Internet erreichbar sind. Eine nicht unberechtigte Angst, denkt man an die sich daraus ergebenden Wettbewerbsvorteile der großen Zwischenhändler.

Die Gebühr zur Mitbenützung der KNO Datenbank liegen mit circa 2.000,- ATS monatlich durchaus im Bereich des Erträglichen und werden mit zunehmender Teilnehmerzahl noch geringer. Darüber hinaus erreichen kleinere Buchhandlungen eine größere Anzahl möglicher neuer Kunden, und überregionale Werbeeffekte sind durchaus gegeben.

Das Anfragen oder Suchen von Titeln ist in den eigenen vier Wänden rund um die Uhr möglich. Das gewünschte Buch kann direkt bestellt werden. Im Gegensatz zu Teleshopping via Fernsehen etwa, wo das Telefon den Rückkanal darstellt, oder den bei Büchern üblicheren Versandkatalogen mit Bestellkarten. Neben der Online-Bibliographie stellen viele Buchhandlungen eigene Listen von Titel zusammen. Zumeist sind es Computerbücher oder Fachliteratur, also Bücher, deren Aktualität und rasche Verfügbarkeit von Bedeutung sind. Belletristik und Taschenbücher sind derzeit noch weniger gefragte Produkte im Cyberspace. Aber auch Bestsellerlisten, oftmals mit entsprechendem Hinweis von Zeitungen übernommen, sind eine Möglichkeit, dem Kunden eine interessante Auswahl anzubieten. Als günstig hat es sich erwiesen, die angebotenen Bücher mit Kurzbeschreibungen oder Rezensionen zu versehen. Auf der Homepage der Buchhandlung Gerold (http://www.gerold.co.at/online) findet man beispielsweise unter anderem eine Empfehlungsliste der Mitarbeiter.

Der Buchhändler als virtueller Verkäufer?

Um Buhrufen besorgter Traditionalisten zuvorzukommen, soll an dieser Stelle gesagt werden, daß Online-Dienst keine Buchhandlungen ersetzen können oder künftig ersetzen sollen. Dies wäre weder wünschenswert noch sinnvoll. Genauso wenig will ich auf meine Bank samt Berater verzichten, und dennoch ist in manchen Situationen ein Bankomat wesentlich bequemer als das Warten am Schalter. Homepages von Buchhandlungen werden diese nicht ersetzen, sie können sich allerdings zu einer zusätzlichen Einnahmequelle entwickeln. Momentan sind die Umsätze noch eher bescheiden, wenn auch zumindest kostendeckend. Buchhandlungen mit längerer Erfahrung im Internet verzeichnen bereits deutliche Umsatzzuwächse. Einer der Pioniere im Netz des deutschsprachigen Raums ist die Buchhandlung Lehmann (http://www.lob.de), die über eine Reihe von wissenschaftlichen Sortimenten verfügt und mit dem dpunkt Verlag kooperiert, welcher wiederum Bücher mit Internet-relevanten Inhalten, wie HTML-Programmieren oder Java, publiziert.

Teilweise hat der Buchhandel bereits bewiesen, daß er durchaus dem Umgang mit alternativen Medien gewachsen ist. Der Verkauf von qualitativ hochwertigen CD-ROMs stellt im Buchhandel mittlerweile eine relevante Größe dar. Wenngleich auch niemand behaupten wird, CD-ROMs könnten Bücher ersetzen, so sind sie doch diesen in manchen Fällen, z.B. bei Sprachlehrgängen, Nachschlagwerken usw., ebenbürtig wenn nicht hin und wieder gar überlegen.

Ein weiterer wesentlicher Vorteil des Netzes für den Buchhandel ist, es für den einigen Gebrauch zu nutzen. Die meisten großen deutschsprachigen Verlage verfügen schon jetzt schon über eine eigene Homepage. Auf dem Server des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels (http://www.darmstadt.gmd.de/BV) findet man eine Liste mit nahezu allen im Netz vertretenen Verlagen und Buchhandlungen samt Web-Adresse. Mittels E-Mail kann man wiederum mit den jeweiligen Bereichen der Verlage Kontakt aufnehmen. Von der Marketingabteilung über den Vertrieb bis hin zur Verlagsleitung. In der Regel erhält man auch mehr oder weniger rasch eine Antwort.

Noch bieten die wenigsten Verlage via Internet eine direkte Bestellmöglichkeit für den Leser an. Bietet der Buchhandel dieses Service seinen Kunden nicht, werden es die Verlage möglicherweise selbst in die Hand nehmen. Gelingt es dem Buchhandel sein fachliches Know-how auf eine Homepage zu exportieren, wird er auch in Zukunft die Bestellmöglichkeit direkt beim Verlag nicht fürchten müssen. Die objektivere Beurteilung von Büchern hat immer der Buchhandel und nicht der Verlag.

Die Tatsache das eine Fensehzeitschrift heute mehr Geld verdient als mancher TV-Kanal zeigt, daß der Wert von Informationen über Informationen größer sein kann als der Wert von Informationen selbst. Niemand hat die Zeit alle nötigen Informationen selbst zu suchen. Guides sind der große Erfolgt auch im Internet. Gute Guides zusammenzustellen und anzubieten wird zum Geschäft, warum nicht auch für uns Buchhändler?

Internet im Buchhandel

Die traditionellen Medien tragen nicht unwesentlich zu Erfolg des Internets bei. Keine Zeitschrift oder Zeitung konnte in den letzten anderthalb Jahren ohne einen größeren Beitrag über das Netz auskommen. Allfällige Statistiken über den rasanten Anstieg der Benützer und den dazugehörige Zukunftsprognosen gleich eingeschlossen. Und es wurden und werden natürlich Bücher darüber geschrieben. Eine ganze Menge sogar. So manche Buchhandlung konnte ein eigenes Regal für Internet-Literatur freimachen. Die Liste reicht von praktischen Einführungsbüchern über komplexe Fachliteratur von Servertechnik bis hin zu philosophisch-polemischen Betrachtungen, wie die eines Clifford Stoll, der nach fünfzehn Jahren Internet-Sucht wieder auf die Grenzen des Netzes verweist. Natürlich gibt es momentan eine Menge Leute, die sich über das Netz und seine Folgen eine Menge Gedanken machen. Ob nun das amerikanische Rechtsanwaltsehepaar Canter und Siegel seine Eindrücke bzw. Gewinne mit Online-Diensten schildert oder die leicht esoterisch entrückte Verzückungen von Marc & Mike Meire in ihrem "Online-Universum, der Buchhandel hat allen Grund sich über die Fülle von durchaus verkäuflichen Büchern zu freuen. Mittlerweile gibt es Standardwerke in immer neuen Auflagen, denn ihr Gebrauch ist, und dies freut den Buchhändler, in der schnellebigen Internetwelt meist nur von kurzer Dauer.

Die Bücher von Internet-Altvater Ed Krol oder die "Internet-Yellow-Pages" mit einer Vielzahl von Internetadressen gingen in den USA zu Tausenden, aber auch hierzulande in beachtlicher Stückzahl über die durchaus physischen Ladentische. Ein Großteil, vor allem aktueller, Internet-Literatur ist gegenwärtig nur in englischer Sprache erhältlich. Doch die Abstände zur deutschen Übersetzung werden immer geringer. Die am US-Markt sehr erfolgreichen Titel "Internet for Dummies" und "More Internet for Dummies" liegen seit einiger Zeit auch in deutscher Sprache in den Buchhandlungen.

Auch von österreichischen Autoren gibt es bereits eine beachtenswerte Palette zum Thema. "In 8 Sekunden um die Welt" von Maier/Wildberger zählt zu den heimischen Klassikern, und "Österreich-Online" von Public Voice hat es binnen einem Jahr zur bereits dritten Auflage gebracht und zählt hiermit zu den Bestsellern.

Es sind bereits mehr als zwölf Jahre vergangen seit dem William Gibson seinen Roman "Newromancer" geschrieben hat, in dem das erste mal der Begriff Cyberspace genannt wurde. Bezeichnet wurde damit der quasi virtuelle Raum im oder vielmehr hinter den Bildschirmen.

Zum eigenem Genre haben sich die "Cyber-Thriller" entwickelt. Die Krimiautoren haben im Cyberspace einen neuen Tatort entdeckt. Der Mörder ist nicht mehr der Gärtner, sondern der Hacker. Cole Perriman ist das Pseudonym für ein Schriftstellerehepaar, daß einen zunächst nur digitalen Clown auch außerhalb des Netzes morden läßt. Ob nun Philip Kerrs "Wittgenstein - Programm" oder Norman Ohlers "Quotenmaschine", die Krimiliteratur ist um eine Facette reicher geworden. Dies kann auch kein Nachteil für den Buchhandel sein. Es bedarf keiner außerordentlich großen Phantasie, sich vorzustellen, wer die Leser dieser Bücher sind. Den Gedanken zu Ende gedacht, ein weiterer Grund für die virtuelle Buchhandlung im Internet.

What's next?

Für die Generation der jetzigen Mittelschüler ist der Computer bereits ein alltägliches Arbeitswerkzeug. Trotz vielerlei Kritik am Internet ist es bis heute das einzige weltweit funktionierende Informationsnetzwerk. Deshalb wird es bereits intensiv an Schulen genutzt. Für die nächste Generation wird die Informationsbeschaffung via Internet so alltäglich und zum Glück so einfach sein wie das Benutzen des Telefonbuchs.

Wissenschaftliche Publikationen wie Loseblattsammlungen, welche eine große Aktualität oder fortlaufende Ergänzung bedürfen, und Fachzeitschriften - zumeist wirklich keine bibliophilen Kostbarkeiten - werden in Zukunft durch Online-Dienste vermehrt Konkurrenz bekommen. Dadurch wird die Herausgabe und Weitergabe von Forschungsberichten erheblich beschleunigt. Die Rechtsdatenbank eines heimischen Verlages zum Beispiel erfreut sich seit einigen Jahren steigender Beliebtheit, ohne daß dieser seine Buchhandlung deshalb schließen mußte.

Ob es uns nun sympathisch erscheint oder nicht, die digitalen Formen der Information sind heute bereits Tatsache, und sie suchen nach einem geeigneten Vertriebsweg. Dieser liegt einerseits naturgemäß im Medium selbst, das heißt im Internet. Andererseits kann der Buchhandel durchaus auch hier eine entscheidende Rolle als Vermittler spielen. Liegen die Rechte diverser Datenbanken doch meist bei Verlagen und zu diesen hegt der Buchhandel doch eine traditionell enge Beziehung.

Das Medium Internet ist gerade dabei den Wandel vom Nischenmedium zum Publikumsmedium zu vollziehen. Unaufhaltsam öffnet es sich einer breiteren Nutzerschicht. Die Auffahrt zur Datenautobahn wird zunehmend einfacher. Anfang 1994 brauchte ich noch geschlagene zwei Wochen und die Hilfe einer Expertin um meinen Computer Internet-tauglich zu machen. Findige Provider wie die Wiener CSO (http://www.cso.co.at) bieten heute schon selbstkonfigurierende Internetsoftware an, die das gleiche in fünf Minuten schaffen. Soeben kamen die ersten Vorabversionen die dritte Generation von Web-Browsern auf den Markt (Netscape Atlas bzw. Internet Explorer 3.0). Damit eröffnen sich neue Gestalltungsmöglichkeiten für Web-Seiten und eine intuitiverer Benützung für den Anwender.

 

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